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Von Emotionen zu bürgerschaftlichem Engagement

Partizipative Maßnahmen, ökologische Regierungsführung und Handlungsfähigkeit im Bereich der nachhaltigen Mobilität

Autor: Tarik Bouriachi, Äerdschëff asbl

Zusammenfassung

Dieser Artikel bietet eine anthropologische Analyse zeitgenössischer Formen bürgerschaftlichen Handelns. Er basiert auf zwei partizipatorischen Mechanismen im Kontext der ökologischen Transformation in Luxemburg – Forumtheater und einem Experten-Bürger-Forum zum Thema nachhaltige Mobilität. Mithilfe eines situierten Forschungsansatzes untersucht er, wie diese Mechanismen soziale Vorstellungen prägen, die Legitimität von Wissen neu verteilen und die Machtverhältnisse umgestalten. Der Artikel versteht Partizipation nicht als Instrument, sondern zeigt, dass diese Räume politische Technologien darstellen, die die Steuerung von Möglichkeiten beeinflussen und bestimmte Handlungsformen denkbar, praktikabel und kollektiv legitimieren.

Einleitung

Partizipatorische Mechanismen und die Steuerung von Möglichkeiten

Die politische Anthropologie hat sich historisch um die Analyse institutionalisierter Machtformen, ihrer Rituale, Symbole und Legitimationsmechanismen gebildet. Die gegenwärtigen Veränderungen im öffentlichen Handeln haben den Fokus jedoch auf diffusere, weniger sichtbare, aber nicht weniger strukturierende Machtformen verlagert. In diesen Konfigurationen wird Macht nicht mehr primär durch Anordnung oder direkten Zwang ausgeübt, sondern vielmehr durch die Schaffung von Handlungsrahmen, legitimen Narrativen und Subjektivitäten, die mit bestehenden normativen Horizonten übereinstimmen.

Ökologische Krisen bieten eine hervorragende Gelegenheit, diese Transformationen zu beobachten. Sie gehen einher mit einer Vielzahl partizipativer Mechanismen, die darauf abzielen, Bürger zu „mobilisieren“, „das Bewusstsein zu schärfen“ oder „einzubinden“, während die materiellen und ökonomischen Strukturen, die diese Krisen hervorbringen, weitgehend unverändert bleiben. Die anhaltende Diskrepanz zwischen der Dichte wissenschaftlicher Diagnosen und der Schwäche tatsächlicher Veränderungen kann daher nicht einfach als Mangel an Rationalität oder individuellem Willen interpretiert werden. Sie verweist auf eine zentrale Frage der politischen Anthropologie: Wie werden die Kapazitäten für kollektives Handeln geschaffen, verteilt und begrenzt?

Dieser Artikel untersucht diese Frage anhand einer vergleichenden Analyse zweier unterschiedlicher, aber miteinander verbundener partizipativer Mechanismen: Forumtheater und ein Experten-Bürger-Forum zum Thema nachhaltige Mobilität. Diese Mechanismen werden hier nicht als bloße methodische Werkzeuge oder ausgereifte Formen partizipativer Demokratie verstanden, sondern als politische Technologien im weitesten Sinne. Sie strukturieren Körper, Diskurse, Emotionen und Verfahren und erzeugen so spezifische Effekte von Macht, Subjektivierung und der Ordnung des Möglichen.

Die zentrale Hypothese lautet, dass diese Mechanismen nicht primär durch Informationsvermittlung oder Konsensfindung wirken, sondern die Bedingungen des Denkbaren und Machbaren selbst beeinflussen. Sie operieren mit sozialen Vorstellungen, definieren, was gesagt, geprüft oder angefochten werden kann, und verschieben – stets partiell und konfliktgeladen – die Legitimitätsregime des Wissens. In diesem Sinne stellen sie privilegierte Beobachtungsstellen zeitgenössischer Formen ökologischer Gouvernementalität dar.

Die Analyse basiert auf einem situierten Forschungsansatz, der die direkte Beteiligung an den untersuchten Mechanismen voraussetzt. Diese Position zielt nicht darauf ab, eine trügerische Neutralität zu erzeugen, sondern vielmehr die Spannungen, Asymmetrien und Ambivalenzen sichtbar zu machen, die diese partizipatorischen Räume durchdringen. Sie ermöglicht es uns, von innen heraus zu erfassen, wie Expertenwissen, Bürgerwissen und Erfahrungswissen artikuliert werden und wie die Grenzen zwischen legitimem und disqualifiziertem Handeln ausgehandelt werden.

Forumtheater als Mittel zur Subjektivierung

Das Forumtheater, das aus dem von Augusto Boal entwickelten Theater der Unterdrückten hervorgegangen ist, wird oft als Instrument der Emanzipation durch Partizipation dargestellt. Eine solche Interpretation neigt jedoch dazu, seine tiefgreifende politische Dimension zu verschleiern. Indem es die Trennung zwischen Bühne und Publikum, zwischen Akteuren und Zuschauern aufhebt, schafft das Forumtheater einen Zwischenraum, in dem soziale Rollen verschoben werden können, ohne jemals vollständig aufzulösen.

In diesem Rahmen repräsentiert die Bühnenhandlung nicht einfach Situationen der Herrschaft oder der Sackgasse. Sie inszeniert sie neu, erprobt sie und konfiguriert sie um. Körper, Schweigen, Zögern und Emotionen werden zu Erkenntnisträgern. Das entstehende Wissen ist weder vor noch außerhalb der Handlung; es erwächst aus der Konfrontation ungleich verteilter Wege, Positionen und Zwänge.

Meine Beziehung zu dieser Methode wurde durch meine Begegnung mit den Praktiken des burkinischen Gemeinschaftstheaters, insbesondere durch die Arbeit von Prosper Kompaoré, geprägt. Diese Erfahrung führte zu einem Wandel…


Experimentieren, Materialität und ökologische Gouvernementalität

Ein zentrales Element des Projekts war eine vorbereitende Experimentalphase vom 1. bis 17. November 2025. Zwei Karbike-Fahrzeuge waren an verschiedenen Orten in der Region unterwegs – Gymnasien, Städten, Fab Labs – und ermöglichten so konkrete Nutzungserfahrungen und situative Erzählungen. Die Strecke Straßburg–Redange diente als strukturierende Erzählung und machte die materiellen Einschränkungen der alltäglichen Mobilität erfahrbar.

Diese Experimentalphase bewirkte einen entscheidenden Wandel. Sie ermöglichte es, die Diskussion über abstrakte Diskurse hinaus in der gelebten Materialität zu verankern. Die entstandenen Nutzungserzählungen waren nicht bloße Zeugnisse, sondern politische Ressourcen, die die Grenzen zwischen legitimer Expertise und Alltagserfahrung neu definieren konnten.

Aus foucaultscher Perspektive lassen sich diese Geräte als Technologien ökologischer Gouvernementalität verstehen. Sie schreiben keine Verhaltensnormen direkt vor, sondern schaffen Rahmenbedingungen, innerhalb derer bestimmte Verhaltensweisen wünschenswert, vernünftig oder verantwortungsvoll erscheinen. Leichte Mobilität wird nicht vorgeschrieben; sie wird denkbar, erprobt und schrittweise normalisiert.

Machtzirkulation und Ambivalenzen der Partizipation

Partizipationsmechanismen beseitigen Macht nicht, sondern verteilen sie neu. Im Forumtheater zeigt sich diese Zirkulation in der Figur des Jokers, der eine paradoxe Autorität innehat: Er garantiert den Rahmen, ohne Lösungen vorzugeben. Im Experten-Bürger-Forum manifestiert sie sich in der Fähigkeit bestimmter Akteure, ihre Erfahrungen in Argumente zu übersetzen, die im deliberativen Raum Akzeptanz finden.

Diese Ambivalenzen bilden den analytischen Kern dieses Artikels. Sie zeigen, dass Partizipation nicht allein anhand formaler Einbindung oder operativer Ergebnisse bewertet werden kann. Sie muss als konfliktreicher Prozess analysiert werden, der von Machtdynamiken, Legitimationsstrategien und Formen der Steuerung von Subjektivitäten geprägt ist.

Fazit

Partizipationsmechanismen und die Politik der Möglichkeiten

Durch den Vergleich von Forumtheater und einem Experten-Bürger-Forum zum Thema nachhaltige Mobilität untersucht dieser Artikel die anthropologischen Bedingungen bürgerschaftlichen Handelns im Kontext des ökologischen Wandels. Weit davon entfernt, als externe Alternativen zur Macht aufzutreten, erweisen sich diese Mechanismen als privilegierte Orte ihrer Neugestaltung.

Sie sind Teil einer Politik der Möglichkeiten, indem sie Verhaltensweisen nicht direkt bestimmen, sondern vielmehr die Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer bestimmte Handlungen denkbar, legitim und wünschenswert werden. In diesem Sinne gehören sie vollständig zu einer zeitgenössischen ökologischen Gouvernementalität, die auf der Aktivierung von Subjektivitäten und nicht auf expliziter Beschränkung beruht.

Diese Analyse lädt uns ein, die simplistische Gegenüberstellung von Partizipation und Herrschaft zu überwinden. Partizipationsmechanismen erscheinen als ambivalente Räume, die gleichzeitig Offenheit erzeugen und neue Formen der Normalisierung hervorbringen. Ihr anthropologisches Interesse liegt nicht in ihrem Versprechen der Emanzipation, sondern in ihrer Fähigkeit, die Spannungen zwischen Macht, Wissen und Handeln sichtbar zu machen.

Angesichts der ökologischen Krise sind diese Mechanismen weder Wunderlösungen noch demokratische Alibis. Sie sind Arenen, in denen die Möglichkeit kollektiven Handelns situativ und konfliktgeladen ausgelotet wird. Aus diesem Grund verdienen sie es, von der politischen Anthropologie ernst genommen zu werden – nicht als Randfiguren, sondern als zentrale Akteure in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung.

Literaturverzeichnis

  • Boal, Augusto. Theater der Unterdrückten. Paris: La Découverte.
  • Blondiaux, Loïc. Der neue Geist der partizipatorischen Demokratie. Paris: Seuil.
  • Castoriadis, Cornelius. Die imaginäre Institution der Gesellschaft. Paris: Seuil.
  • Foucault, Michel. Mikrophysik der Macht. Paris: Gallimard.
  • Foucault, Michel. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Paris: Gallimard.
  • Turner, Victor. Der rituelle Prozess: Struktur und Antistruktur. Chicago: Aldine.
  • Äerdschëff asbl. Experten-Bürger-Forum „Nachhaltige Mobilität“. Rahmenpapier, 17. Dezember 2025.
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